Mi
22
Feb
2012
Kurt hatte eine Freundin. Dann kam Aschermittwoch. Jetzt teilt er sein Nachtlager mit den Obdachlosen am Klagenfurter Hauptbahnhof.
Als ich ihn in der Bahnhofshalle herumlungern sah, ging ich davon aus, er würde mit dem Taxi auf Kundschaft warten und – ermüdet vom Füßevertreten – nur eben einmal abrasten. Aber weit gefehlt.
„Heda, Herr Schriftsteller“, begrüßte er mich öffentlich hörbar und augenscheinlich froh, ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen und schüttete mir gleich unaufgefordert sein Herz aus:
Kurt hatte seine Freundin Jacqueline vor ziemlich genau einem Jahr bei einem Maskenball kennengelernt. Sie war als Prinzessin verkleidet und er als King Kong. Schön, schlank, schlau, das war Jacqueline alles nicht – aber auch Kurt ist ja kein Sahnestück und als sie am Morgen danach gemeinsam aufwachten und einander auch demaskiert und nüchtern nicht abstoßend genug fanden, um nicht zusammen zu ziehen, teilten sie sich fortan Küche, Bett und Lebenserhaltungskosten.
„Und jetzt hat sie mich vor die Tür gesetzt“, endigte Kurt im Jammerton.
„Ja, aber warum denn?“, fragte ich – aus Höflichkeit, denn eigentlich wusste ich ja schon, dass es wieder eine seiner dummen Behauptungen gewesen war, die ihn in diese Bredouille gebracht hatte!
Und Bingo: Kurt machte kugelrunde Augen und antwortete, als zitiere er ein Lebensgesetz:
„Flüssiges bricht Fasten nicht!“
Um die Sache abzukürzen: Wenige Tage davor hatte Kurt mit seinem Taxi einen Historiker chauffiert, der ihn aus Anlass der bevorstehenden Fastenzeit erzählt hatte, die Mönche im Mittelalter seien vor Ostern einer strengen Fastenordnung unterworfen gewesen. Um die fehlenden Kalorien auszugleichen, brauten sie ein besonders starkes Bier ein. Das war kein Widerspruch, denn ein alter kirchlicher Grundsatz legte fest: „Flüssiges bricht Fasten nicht“ – ohne Einschränkung der Art der Flüssigkeit.
Da die Fahrt vom Flughafen zum Landesmuseum dank des Berufsverkehrs seine Zeit dauerte, erzählte der Historiker noch eine ganze Menge anderer interessanter Anekdoten aus der jahrtausendealten Geschichte des Bieres.
Nun ist Kurt von Haus aus kein – sagen wir einmal – intellektuell zentriertes Individuum, doch diese Erzählungen saugte er auf wie ein Schwamm!
„Weißt du, Herr Schriftsteller“, erklärte er mir, „das war ein Wink des Schicksals, weil meine Jacqueline wollte mich echt auf Diät setzen, wenn die Fastenzeit anfängt, weil ich zu fett bin, sagt sie. Sie selbst wollte auch mitmachen und da wollte ich ihr natürlich unnötige Qualen ersparen. Deshalb hab ich ihr gleich am selben Abend noch die kirchlichen Fastenregeln erklärt.“
„Lass mich raten“, fiel ich ihm ins Wort, „das mit dem Bier hat ihr gar nicht gefallen, stimmt’s?“
„Ganz genau“, nickte Kurt und spielte mir jene schicksalhafte Szene live in der Bahnhofshalle vor:
„Sie: ‚Das täte dir so passen: Nix essen, nur noch saufen!’
Ich: ‚Das Bisserl, das ich ess’ kann ich auch trinken!’
Sie: ‚Das hast du dir fein ausgedacht!’
Ich: ‚Nein, nein! Alles historisch belegt! ‚Flüssiges bricht Fasten nicht’!’
Sie: ‚Das kannst du deiner Großmutter erzählen!’
Ich (leicht ärgerlich): ‚Ihr Frauen habt Null Ahnung vom Bier und vom Historischen! Deshalb haben sie schon im alten Babylon die Frauen ertränkt, wenn sie schlechtes Bier gebraut haben! Und im Mittelalter, da haben sie sie verbrannt, wenn was mit dem Bier nicht gestimmt hat! Als Bierhexen! Da schaust, gell? Hat mir alles der Herr Historiker erzählt. Und rat’, warum seit damals die Mönche das Bier brauen und nicht mehr die Frauen? Weil Ihr Frauen das einfach nicht kapiert, das mit dem Bier und mit dem Historischen! Und seitdem schmeckt das Bier endlich nach was!’
– Was schaust denn so komisch, Herr Schriftsteller?“
Kurt hatte bemerkt, was mir selbst nicht aufgefallen war: Meine Gesichtszüge hatte sich – in angstvoller Erwartung dessen, was gleich kommen würde – verzerrt.
„Gar nicht gut, so etwas zu einer Frau zu sagen“, meinte ich.
„Ja, aber wenn’s doch stimmt!“, begehrte Kurt auf.
„Und was hat’s dir eingebracht?“, fragte ich und zeigte mit einer ausladenden Armbewegung auf das Umfeld, in dem Kurt nun wohnte.
„Sie redet nicht mehr mit mir“, wechselte er ins Kleinlaute, „hat die Türschlösser ausgewechselt, stellt sich taub, wenn ich anläute, geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“
„Lass ihr etwas Zeit“, riet ich ihm. „In einer Woche oder so stellst du dich mit einem Strauß Blumen auf die Türmatte und entschuldigst dich unterwürfig.“
„Ja, verstehst du denn nicht?“ fuhr Kurt auf, „sie hat mich ausgesperrt!“
„Na und?“, erwiderte ich ähnlich heftig, „dann schlüpf vorübergehend bei einem Freund unter und leih dir von ihm ein paar Klamotten!“
Kurt starrte mich an, wie ein rinderwahnerkrankter Stier ein knallrotes Gänseblümchen und rief:
„Hallo?! Die Wohnung gehört mir!“
Die Moral von der Geschicht’: Frauen, das Fasten und das Bier sind eine explosive Mischung. Und das wussten sie auch schon im alten Babylon.
Mi
25
Jan
2012
Als ich neulich am Morgen die Zeitung aufschlug, sprang mir eine Schlagzeile ins Auge: „Schwere Tumulte bei Polit-Kundgebung“, der Übertitel: „Verteiler von Hetzschrift krankenhausreif geprügelt“.
Da war mir klar, dass Kurt in nächster Zeit unausstehlich sein würde!
Hier in Klagenfurt sind politische Kundgebungen selten und so klein, dass sich die Passanten fragen, bei welchem Geschäft diese Leute da anstehen. Die Schlagzeile war also eine Sensation und was Kurt mit ihr zu tun hatte, kam so:
Kurt ist Taxifahrer, ich kenne ihn seit Jahren gut genug, dass wir uns grüßen und ein paar Worte wechseln, wenn wir uns über den Weg laufen.
Kurt hat eine Eigenart, die immer originell beginnt und lästig endet: Er stellt eine banale Behauptung auf, erfindet allerlei verrückte Argumente dafür und will, dass auch die wirkliche Welt sie glaubt. Tut sie aber nicht, weshalb Kurt seine Überzeugungsarbeit bis zur Penetranz steigert. Die Lage muss immer erst eskalieren, ehe er zur Vernunft kommt, danach dauert es fünf, sechs Monate, bis er die nächste dämliche Behauptung aufstellt.
Ich schätze, sein Beruf füllt ihn nicht ganz aus.
Doch diesmal ging er zu weit. In seiner Behauptung: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, fand Kurt den Schlüssel zur Macht: Schreiben hatte er ja in der Schule gelernt und die Zustände flehten ohnehin nach Veränderung. Er, das Schreiben und Klagenfurt – das war der richtige Mann mit der richtigen Fähigkeit am richtigen Ort!
Nachdem er damit tagelang allen auf den Sack gegangen war, begann Kurt, die Zustände verändern zu wollen. Leider druckte keine Zeitung seine inhaltswirren Leserbriefe ab und die Antworten auf seine Facebook-Postings waren endenwollend und – höflich ausgedrückt – sympathieneutral.
Dann gefiel es dem Schicksal, mich auf der Straße in Kurts Fänge zu treiben.
„Du, Herr Schriftsteller“, rief er begeistert, „was veränderst du alles, mit deiner Macht?“
Ich verstand erst was er meinte, als er mir seine aktuelle Spinnerei aufgetischt hatte.
„Das kannst du nicht eins zu eins auf die Wirklichkeit ummünzen“, versuchte ich ihn einzubremsen, „sonst müssten ja jedes Mal Leute sterben, wenn ich einen Krimi schreibe.“
Kurt starrte mir sekundenlang in die Augen, wobei abwechselnd Furcht und Ehrfurcht sein Gesicht kneteten.
„Aber das tun sie ja“, flüsterte er dann, „jeden Tag! Weil … weil es so viele Krimi-Autoren gibt! Und wer schreibt, verändert die Zustände.“
Da verlor ich dann doch etwas den Gleichmut, immerhin hatte er mich soeben des Serienmordes bezichtigt! Wir gerieten in einen Streit, in dem er mir all das Leid vorwarf, das ich in meiner Naivität mit meinen Krimis angeblich verursachte, ohne es zu bemerken. Ich hingegen nannte ihn einen ignoranten Depp, weil er meinen Standpunkt nicht hören wollte. Im Davongehen wandte er sich mehrmals zu mir um und schrie dabei: „Ich werd’s dir beweisen!“
Das hatte er nun wohl getan: Wie die Zeitung berichtete, hätte im Rahmen einer disziplinierten politischen Kundgebung ein Mann damit begonnen, Flugblätter an die Demonstranten zu verteilen, in denen er deren Überzeugung in Misskredit brachte.
Das abgedruckte Faksimile eines der Flugblätter bewies, dass diese Umschreibung den Preis für die Untertreibung des Jahrhunderts einsacken würde: Kurt beflegelte die Kundgebungsteilnehmer als Schweine, wobei er nicht mit bunten Attributen sparte, befahl ihnen ähnlich ausdrucksvariabel sich zu verziehen und drohte jedem Prügel an, der sich weigerte. Die Meinungsbekundung endete mit einem gesalzenen Epilog, der besagten Schweinen die Schuld an den desaströsen politischen Zuständen in Europa in die Hufe schob.
Während der wütende Mob – so die Zeitung weiter – Kurt in einer spontanen Emotionsäußerung körperlich zurechtwies, floh dieser nachhause und sperrte sich ein. Doch der Mob verschaffte sich mittels Einbruchs durch ein Fenster Zutritt zu Kurts Wohnung, beförderte ihn mittels Ausbruchs durch ein anderes Fenster auf die Straße und gerbte ihm dort enthemmt das Fell, bis die Polizei eintraf. Danach rächte man sich am Inventar von Kurts Wohnung weiter.
Befragt, worauf die Unverhältnismäßigkeit dieser Gewaltanwendung zurückzuführen sei, antworteten die Demonstranten: auf Kurts beharrliche Provokation. Dieser hätte nämlich erst damit aufgehört, immer neue Beschimpfungszettel hervorzuzaubern, als man ihn endlich bewusstlos gemacht hätte.
Ich seufzte und beschloss, Kurt ins Klinikum besuchen zu gehen.
Ich fand ihn in einem Streckverband vor – er sah gar nicht gut aus: Alle ersichtlichen Körperteile waren eingefascht oder geschient, alle nicht verbundenen Gesichtsregionen schimmerten in ineinanderfließenden Pastelltönen. Als jenes Auge, das nicht zu einem Relief aufgeschwollen war, mich erkannte, verzerrten sich seine aufgeplatzten Lippen zu einem triumphierenden Zahnlückengrinsen, das mir allein schon beim Zusehen Schmerzen bereitete.
Er flüsterte mir zu: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, dann unterbrach er sich mit einer Lautfolge, die es zur Auslegungssache machte, ob sie Husten oder Lachen wäre und flüsterte schließlich zu Ende: „Ich hab’s dir bewiesen!“
Ich kann nicht umhin, so etwas wie Achtung für Kurt zu empfinden. Ich wäre wohl nicht bereit, soweit zu gehen um eine Theorie zu beweisen!
Selbstverständlich weigere ich mich auch weiterhin anzuerkennen, dass meine Krimis Schuld am Ungemach irgendeines Menschen wären, aber ich glaube Kurts Behauptung: Wer schreibt, verändert die Zustände – und seien es auch nur seine eigenen.